In ein selbstständiges Leben gekämpft - Anja V. überwindet eine schwierige Vergangenheit und wird Orthopädiemechanikerin
12.12.2011

Anja V. ist im Leben angekommen. Die 32-Jährige ist vor ein paar Monaten das erste Mal Mutter geworden. Wegen Töchterchen Charlotte nimmt sie gerade eine Auszeit von ihrem ersten richtigen Job. Für ihre jetzige Situation hat Anja V. lange hart arbeiten und eine schwierige Vergangenheit überwinden müssen.
Die eigene Jugend verbrachte die junge Frau in Heimen und Kliniken. Infolge traumatisierender Kindheitserlebnisse litt sie an einer schweren Depression. Das Lernen blieb auf der Strecke. Nach der siebten Klasse war Schluss mit der Schule. Erst mit Anfang 20 begann sich das Blatt zu wenden.
„Im Heim in Salzgitter lernte ich Frau P. kennen, die mich unterstützen wollte“, sagt Anja V. „Nach einigem Zögern fragte ich sie: Hilfst du mir jetzt?“. Ihre „Ziehmutter“, wie Anja V. ihre Unterstützerin nennt, lernte mit ihrem Schützling für die Schule und half ihm dabei, selbstständiger zu werden.
Mit 25 schaffte Anja V. den erweiterten Realschulabschluss. Und arbeiten wollte sie natürlich auch. Viele Berufe seien für sie interessant gewesen und überall habe sie sich beworben. Doch mit der Ausbildung klappte es nicht - bis ihr die Agentur für Arbeit eine Ausbildung im Berufsförderungswerk (BFW) Bad Pyrmont anbot. Die Menschen lernen dort für ihre zweite Chance im Arbeitsleben. Für Anja V., die noch immer mit ihrer psychischen Erkrankung kämpfte, war es mit Mitte 20 die erste.
„Diese Möglichkeit wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich habe mich wirklich ins Zeug gelegt“, so die 32-Jährige. Mit dem Ziel fest vor Augen hat Anja V. während ihrer Ausbildung zur Orthopädiemechanikerin viel Zeit für das Lernen investiert. In Mathematik nahm sie Nachhilfeunterricht. Ein Sozialarbeiter bewältigte mit ihr private Probleme. Denn das selbstständige Wohnen im Internat des BFW war neu für die junge Frau, die zuletzt im betreuten Wohnen lebte. Mit organisatorischen Dingen oder Behördenahngelegenheiten hatte sie beispielsweise ihre Schwierigkeiten.
„Persönlich habe ich mich zum eigenen Erstaunen in dieser Zeit sehr verändert“, sagt Anja V. Sie habe gelernt, mit Frust und Stress umzugehen, sei ruhiger und psychisch viel stabiler geworden.
Auch privat hat Anja V. im BFW Bad Pyrmont ihr Glück gefunden. In der Ausbildung lernte sie den Güstrower Karsten B. kennen - den heutigen Vater der kleinen Charlotte. Beide leben inzwischen gemeinsam in Wolfenbüttel. Anja V. fand in ihrer Wahlheimat Arbeit in einem Sanitätshaus, wo sie bis vor der Geburt ihrer Tochter zum Beispiel Prothesen goss und Einlagen herstellte. Ihr Lebensgefährte ist mittlerweile ebenfalls dort beschäftigt. Er fährt Hilfsmittel aus und berät Kunden.